Mittwoch, 27. Juli 2016


Bedeutungslos

Er hat's dir ins Gesicht gesagt
du hast als Kind schon so viel geschrien
da warst du noch ein Baby
---
Da stand er vor dir, mit Sonnenbrille
so in der Hand am ausgeklappten Bügel
gezwirbelt, das ganze Ding, fast schon geschaukelt
so ganz vorne, zwischen oben Zeigefinger
und unten Daumendick
zwischen zwei Kuppen, dieser Designerbügel
und derweil dort oben zugleich
seine Lippen schoben sich nach vorn
seine Zähne vorn von oben und unten ebenfalls zugleich
trieben seine Lippen wohl voran
Warum hat er nicht gleich gefletscht
was war das für ne Stimmung
auch noch im Hausflur
vor meiner Wohnungstür
und ich zwischen den Zargen
und er aber im Hall
und vor den anderen des Hauses, möglicherweise
nicht zu sehn, aber vielleicht zu hörn
deshalb oder deswegen, das ganze
wie sagt man das, was sagt man da
was sagt man dazu
wie der da so stand
selbst Flüstern war ihm wohl zu unsicher
da hätt ja jemand mit den Schlüsseln klinkern können
das hätt seine Vorstellung voll versaut
wie er sagen musste, was ich als Baby war
Da musst ich lachen
nicht laut, nicht schallend, eher geschmunzelt
ich musste mir nicht mehr die Rippen verbiegen lassen
schon gar nicht mehr brechen
das hatte ich nicht mehr nötig
das hat mich gar nicht beeindruckt
das war lächerlich
absolut lächerliche Pose
Was fiel ihm eigentlich ein
bei mir anzuschellen
so nah ranzukommen
aber doch den Sprung nach hinten hin weg zu bewahren
mit einem Brillenbügel Abstand zu bedeuten
darauf zu bestehen
seine Bestimmung meiner Freiheit überordnen zu wollen
so zu bestimmen, vielleicht sogar vorausgeplant
auch gar nicht vorläufig reinkommen zu wollen
nur Theater, nach seinen Regeln
Und seine Wangenknochen, dieses unlautere Knirschen
dazu und dahinten
nicht hörbar, aber sichtbar, dieses Kiefermauern
der Nussknacker ist ein Spielzeug dagegen
und Pompeji hat die Sonne schön
und Epidaurus klingt so gut
besonders dort unten in der Mitte
---
Wie es ihm so wichtig war, so unumgänglich
vielleicht zwingend nötig
abzulassen
dass ich als Kind schon so viel geschrien hab
und auch nur diese eine Ansage
als Anzeige, womöglich
als hätt ich froh sein müssen, nicht im Knast gelandet zu sein
so scheint er sich das zu denken
Dass ich mittlerweile Freigänger bin
das kann er sich nicht vorstellen
da muss ich noch ein Baby gewesen sein
---
Und fast, hätt er diese Situation übersäuert
das Zwirbeln hatte er vielleicht nicht oder lang nicht, geübt
fast hätt er nen Ausfallschritt anlegen müssen
was ist das da für ein Ding mit dem Zumuten
Diesen Zeigefinger und sein Daumendick in Bewegung
ließ sich nicht lang unter Kontrolle halten
So ist das dann wohl, wenn man von Feinmechanik nichts versteht
aber so auftreten will, wie ein Künstler
---
Ich hatte die Klinke schon wieder in der Hand
da lautete es noch nach
Die Entscheidung liegt bei dir
und seine Brille hat er in beiden Händen auffangen können
das war noch deutlich abzusehen
dann war mir alles weitere wieder egal
es war leer
es konnte mich weiterhin nicht beeindrucken
und die Tür war wieder zu
und ich hab auch nicht gelauscht
und es hat auch nicht noch mal geschellt
kein Klingeln mehr danach
---
Und genau so
hatt ich's innerlich schon mal so erlebt
innendrin, auch in der Wohnung schon
so von selbst
als sie vor mir stand
ihre Brillenbügel ineinanderverschränkte
ihre Brille leise auf dem Sekretär ablegte
fast schon unmerklich
aber nicht, wie sonst, ins Etui einschob
und wie ohne Zahn und Lippe, ganz ohne Mund
sie deutlich zu mir sagte
Du hast versagt
Wir brauchen Dich nicht
Die Entscheidung lag bei Dir
---
Das hätt ich wohl schon wissen müssen
als ich ein Baby war
und als Kind schon so viel geschrien
Es hätt mich wohl beeindrucken müssen
bevor der erste Freigang angestanden hatte
---
Und das andere Kind
wird sich wohl von nun an
nicht mehr beeindrucken lassen können
Es ist nicht Entscheidung eines Kindes oder gar mehrer Kinder
egal, wie viel oder wenig, als Baby geschrien
Es ist die Entscheidung einer Zeit
in welcher wir nichts zu sagen haben
Und damit müssen wir leben
wenn es jemandem danach ist
Es reicht nur eine oder einer oder eines
und die Tür fällt wieder zu
Es ist kein Zufall
Nicht mal mehr ein Klopfen wirst du hören
oder spüren
geschweige denn ein Weinen
wenn Du nicht von Anfang an
Sorge dafür tragen kannst
dass Dir eine Entscheidung weder vorgeworfen
noch abgenommen werden kann
---
Alles was gut war
verfällt an einer Sekunde oder von heute auf morgen
wenn Du sie fett machst
vollgefuttert
und sie entscheiden lässt
wenn Du sie versichert hast
und sie beeindruckt sind
dieses als Glück und Zufriedenheit betrachten
---
Das Wasser reichen
auf Augenhöhe sein
unterliegt der Feinmechanik
---
Es ist die Lehre
von Trauer, Ende und Abgrund
fremdbestimmt
wenn Freiheit zu Entscheidung versiegen muss
Das kannst Du so erleben
Dann ist es endgültig vorbei
Dann bleibst Du auf der Strecke
Dann haben sie es endlich geschafft
---
Hoffentlich
lebst Du nicht bedeutungslos




Donnerstag, 16. Juni 2016


Schlüsselkind
...
Essen im Kühler
dritte Box von unten
und iß auch mal den Rosenkohl
ist nur eine kleine Portion
und extra Deine Lieblingssauce drüber
gut umrühren und vermischen
vorsichtig aufwärmen auf Stufe zwei
und zugucken, nicht abhauen
die große Kelle liegt noch in der Spüle
und setz Dich an den Tisch, wirklich
sonst machst Du mal die Flecken aus der Wäsche raus
und Hausaufgaben vor Spielen, bitte
und trink auch mal Sprudel, mindestens zwei Glas
bin um sieben wieder da
hab Dich lieb
---
Die Wohnungstür wird nicht geknallt
sie scheppert nicht ins Schloss
Die Schritte sind viel lauter
sie fallen auf
Die Jacke knistert
egal welcher Stoff
aufhängen ist kein Unterschied
Die Schuhe lass ich an
sonst ist es kalt
Wenn Du nicht da bist sind die Fenster zu
und die Heizung ist runter
und trotzdem ist es drückend
Aber die Hände muss ich nicht vorher waschen
das kannst Du ja nicht sehen
In der Küche riecht es nach dem Spülmittel
da mag ich nicht mehr Wasser trinken
Der Geruch macht sich nicht von selbst
es aufgewärmt ist anders
Ich konnte nicht schlafen
als es spät nochschon kochte
und die Bettwäsche war stärker
so konnte ich schlummern
und morgens warst Du weg
und ich musste in die Schule
---
wenn Du wieder da bist
hab ich Dich lieb




Sonntag, 3. April 2016

Wunschbild
Egoteil
auf der anderen Seite
eingelistet


Ich möcht vermissen
von vornherein


Deinen Geruch
welcher meine Möbel verschob


Dein Gepluster an Haaren
wofür ich keine Brille verbrauchen konnte


Deinen Handlauf

welcher mich wachen ließ


Deine Stimme
die klangvoller ist als alles andere meiner Worte


Deine Klamotten
als die Jahreszeiten sich verstanden fühlten


Deine Uhr
nach welcher all die Platten gierten


Deinen Rücksitz
der auch für Hunde bereitstand


Deine Aprikosen
weil diese mir Tradition zubereiten


Deine Haltung
gleich morgens schon verbunden in eigenwarm


Deinen Blickfang
für Nachhause gelangen


Deine Ringe
so grenzenlos am kleinen Ritter


Deine Sprache
in alle Länder reingefunkt


Deine Stille
in allen Ländern Zuversicht


Deine Schritte
auf allen Wegen Pech zertreten


Deine Fensterbilder
somit die Kleinen Knöpfchen erste Schritte anführten


Dein Marzipan
obgleich ich's noch immer nicht schmecken kann


Deine Stimme
wegen Unterschied zwischen Geige und Violine


Deinen Haustürschlag
zum Wachrütteln gegen Verpennen


Deine Zeichnungen
ganz und gar klitzeklein in jeder Ecke leuchten


Deine Lache
weil keine Anlage so zierlich klingen kann


Deine Gunst und Güte


all dieses im Auszug lediglich
an wenigen Beispielen


weil Du nichts davon hast
weil ich nicht Du sein kann
weil wir nicht eins sein können
weil Du Deine eigene Größe erlebst


und ich also nicht mithalten kann
und deshalb vermissen


von vornherein
als Wunschbild




Samstag, 19. März 2016

Ich möcht mal was wünschen
Ich wünsch mal ne Spieluhr
mit nur ganz kleinen Glöckchen
und auch nur wenige
so ein wenig einzeln, nicht so viele nebenher
für so Augenblicke
und so Momente
wo die Augen mal sicher sind
und die Momente auch
wenn sie geschlossen sind
und die Töne laut und leise gleichzeitig
wann mal nichts mehr aufschauen brauch
und wann auch mal ein Zug nicht ersetzen muss
durch die Scheibe, an Flickern und Flackern
zwei Lider mal nur ein Lied
es muss nicht immer Singen sein, die ganze Reise
viel leichter doch, klingt die Spieluhr
außerhalb jeder Zeit
innerhalb eines Bäuchleins
wo das Herzklopfen schlummern kann
wo das Schnuppern hinter zwei Lidern malt
von rot bis bunt
mit schönen Blitzen drin
so Blitze wie Kirschenplatzer, oder Pfirsichspritzer
oder so saftig an zwei Halmen von Gras
von Wiese und Wiesengras, also auch höher, trotz dünner
sich auf den Wind legen, mit der Brise sein
wann Wind mal nicht mehr schreien muss oder toben
oder an Jacken zuppeln
oder an Haaren rauschen
oder an Hemdchen flattern
an den Ärmeln nicht mehr
nicht mehr rufen, nicht mehr lauten
so ausruhen
und nicht Mittagsschlaf um punkt zwei
nicht zwischen zwei Sesseln, so hingedreht
wieder ganz klein sein
und doch so groß, an Farbe und Klang
also nicht in bös und auch nicht in schlecht
nur so in gut, und Gut und gerne
beschützt von Oma und Opa, in dieser Zeit
wenn sie erlauben
und Eltern als Kind verstehn
wie Omma auch sagte
wenn du mindestens zwei Mal an andere gedacht hast
kannst du ruhig ein Mal an dich denken
das ist nicht fies, wenn's ja mindestens zweimal vorher war
aber da muss man nicht mit rechnen
das macht man vom Gefühl
und was sich alles so ergibt und zeigt und aufmacht
und zu finden ist und auch gefunden werden kann
so müssen in gut, so anderweit, so hingesehn
so miterlebt, so mitgefühlt, so aufgelöst
wie die Muskeltiere, oder der Bogenschutz
und die Schlickefänger
sich gar nich mehr wehren könn
und wie der Koile gesagt hat, in diesem Augenblick
lach jetz jah nich über den Behinderten
sonst hau ich dir eine
und ich kam doch gar nich auf die Idee
wegen Omma und Oppa schon nich, vorher, viel früher schon
aber der Koile musste das so sagen, weil er der Stärkste war
und Muskeltiere eben gar nix mit Muskeln und Tieren zu tun haben
also nur für die Sinne sind, dafür notfalls streiten
damit der Behinderte auch mal endlich ausflippen könnte
und sein Vorname und sein Nachnahme wieder vorne wäre
und zwar dann für immer
und nich nur so'n Titel
wie in der Hitparade, für nur paar Minuten
und dann käm schon was Nächstes
und wieder Vergessen und Vorlaufen und Vorspulen
und wie der Oppa gesagt hat
ich hab den erschossen, weil er besoffen war
und die Losung nicht wusste, nichts mehr gesagt hat
nur noch die Pullen klirrten und alles dunkel und düster
und der Befehl ein ganz anderer war
nur nicht sein Freund, wie der Trinker vor dem Draht am Tor
und wie die Spieluhr wohl dann geklungen hätt
wenn sie hätt dazwischenfunken können
auch dann im Flug, so gar nicht viel später, in echt nicht
als Almuth die Baustelle runtersprang, als Beweis
und die Rohre da unten ihr Bäuchlein verreckten
und wie die Adoption verlaufen wär
wenn der Marius ne Spieluhr abbekommen hätt
so eine ganz ohne viel Getöse und Geschnarre
wenn sie so einfach mal geschenkt worden wär
so fein und gut und zart und fliederlich
zum Schnuppern und zum Schmunzeln
zu ganz und gar eigener Zeit
was hätt ich mir nur weiter denken können
wenn ich früher vorher schon längst mal endlich
nach mehr als mindestens zweimal in anders
einmal was gewünscht hätt
nur eine einzig schöne Melodie
mehr als zwei Mal aufgezogen
für mehr als zwei Tage
nur mal eben so gewünscht
ganz einfach, mit geschlossenen Augen
in solchen Momenten
voller Mut und Schild und Schwert
und ganz ohne Rüstung von Handwerk
in diesen Sinnen, unsichtbar in echt
abgefeuert vor zwei Lidern
zuckersüß von rot bis bunt
gewünscht von mir für dich
wie die Spieluhr immer gesagt hat
immer voraus
als ich sie nur fühlen konnt




Samstag, 12. März 2016

Gartenstühle
da sind se
samstags auf'm Flohmarkt
wo kommt der her, der Begriff, Flohmarkt
ist doch jetzt egal, guck doch ma, da, dort, menschenskind
Ja, aber Flohmarkt, da saß doch schon wer drauf
na und, es ist doch Geschichte
aber nicht meine
falsche Antwort, falscher Gedanke
wieso
wenn, dann - es ist nicht unsere
ach, komm, ey
aber jetzt guck doch mal genau hin
und watt soll ich da sehn
fühlst du nix, dabei
ja, doch, schon, der Gedanke ist schön
für dich
Ha, für uns, ich hab das schon kapiert
für die Gedanken find ich Selberkaufen nicht gut
ja, aber
nix aber, Aber ist unentschlossen, abgeschlossen, weggeschlossen
ist doch jetzt egal, guck doch ma, da, dort, menschenskind
Blödmann
was kosten die
mach das jetzt nicht kaputt
also gut, die sehen noch gut aus
vielleicht jemand früh verstorben
musst du jetzt unbedingt so denken
ich denk nix, macht sich von selbst, wenn ich diese dort so seh
wo sollen se stehn, unser Flieder blüht dafür zu kurz, oder
unter der Kastanie
und dann dengeln die Kastanien auf'e Birne, oder watt
besoffene Viecher hab ich noch nie unter der Kastanie gesehn
oh, oh, oh, jetz dreh ma nich ab, do
du bist bott
vielleicht, aber ich will ja nur Schön für dich
für uns
nee, für dich, für uns bin ich mit drin, wär doch arrogant
kann ich mal bitte das letzte Wort haben
vielleicht wär ja Baum oder Busch auch bissken selbstgefällig
du meinst so Zelebrieren oder so
ja, so die Richtung
Hm, jedenfalls nicht an'e Garage
wegen der Karre
wegen Garage und Karre
aber unsere Karre, die hat uns doch ...
keine Karre, keine Garage
da ranken aber die schönen Blümchen hoch
gut zu schnuppern, ja, hm, nee
also - mach Punkt
einfach die Wiese und alle Winde und alle Erde
joa, hört sich gut an, find ich, für uns, Ha
nun, dann kaufen wir jetzt diese beiden Geschichten
wofür
für uns, für jetzt, für die anderen Geschichten
und dann
dann antworten wir nicht mehr so schnell, vielleicht
also, ich bau uns zwei oder wir bau'n uns zwei
sollen die uns dann überleben oder lieber nicht
wollen wir aufdringlich sein oder nicht
ich will nicht aufdringlich sein
ich auch nicht
und in die Erbenkiste passen sie ja eh nicht rein
das' ja schon mal gut so
ich mein's ernst
wir beide, Runterrutschen, wenn's soweit ist
oder Zusammensacken
gibst du mir dann noch deine Hand
ja
also gemeinsam
Hand in Hand und Blick an Blick
dann verschwinden wir
ja, auf der Erde, auf der Wiese und in allen Winden
komm, wir nehmen erstmal diese beiden -
und dann hauen wir erstmal ab
Ich liebe Dich
für Dich, für uns, für die Geschichten der anderen
unsere Gartenstühle werden was aushalten



Montag, 29. Februar 2016

Frühling

Immer wenn der Frühling kommt, muss ich an die Kindheit denken.

Erstmal und zuerst.


Immer wenn der Frühling kam, fuhren wir im alten blitzverblankten Tennisplatztaunus in die Altstadt ein.

Der Wagen von außen weiß, das Polster von innen rot, erstmals wieder im Jahr die Fenster runtergekurbelt, die dorre Heizlüftung endlich wieder sinnlos und aus, Fahrtwind plustert so angenehm in jedem Gesicht, Haare stehen und liegen und fliegen und zuppeln und flüstern nicht mehr unter Strom, und was dann dazu gesagt wird, muss nicht unbedingt mehr ein Reden oder Sprechen sein, sondern darf wieder Klang sein, selbst möglich schroffe Worte dann, erfahren deutlich schön ein Hören voller Sinne und ein Mehr an Licht und Flackern und farbfrohen Kurzgeschichten auf allen tragbaren Klamotten.


(Und das da mit der Umwelt und dem Auto - hatt' ich als Osel noch gar nix von kapiert.)


Wenn wahre Geschichten nicht mehr nur in rauen Tapeten und schlingernden Fliesen von Wohnungswänden und anderem häuslichen Belag abzusehen sind, die saubere Scheuerei in Becken und an Geräten nicht mehr herhalten kann, wenn der Frühling kommt, ist die Stubenhockerei zuhause am Ende, und das Kippeln und Zappeln auf einem Stuhl musste ich eh erst in der Schule lernen.


Zu einer Zeit, als Duschen noch Brausen war, als Frühstück noch vor dem Aufstehen ein duftes Abenteuer war, als Morgenwärme nicht mehr in Kälte oder Unterbrechung abzulösen war, als Tischsitzordnung noch gepflegt in Stille einzuhalten war - schier und unmöglich, war auszuhalten, weil der Frühling wieder damit begann, die Kontrolle außerkraft zu sein.


Licht und Wärme muss nicht auch Hitze sein, kühl beleuchtet muss nicht schwitzen, so erfrischend, schafft Mut und Trost und Kraft und Ausdauer, Sinne in Farbe, Form und Kontur so deutlich pulsierend, aufraffend, rennen gewünscht, laufend feingefühlt - und die Hängematte im Sommergarten ist doch bis dahin ein trockener Witz dagegen, oder ?


In die Waschstraße vorher durfte ich auch schon mit, sogar in wichtiger Kontrollassistenz, so kam mir das dann vor - Vater vorne, Sohn hinten, alles im Blick, alle Fenster zu, Radioantenne runter, Türen ruckig bestätigend eingeschnappt, Verschlossen vor Leise, schließlich stille Sitzposition eingenommen. Abfragespiel und Antwortsalat. Alles geprüft und in Ordnung. Jawoll.


Licht an, ein Klick an Scheinwerfern - dann das leichte Treten auf Pedal, der Frühling zieht auch leichte Schuhe an, Treten braucht kein Stiefel mehr sein. Und vorsichtig mit dem Auto einfahren, nicht neben die Schiene lenken, kribbelig vor Aufregung, Verlassen auf des Vaters Sicht und Handwerk, der Sohn noch viel zu klein, um sitzend aus dem Wagenfenster heraus nach unten vorauszusehen. Spannung pur, noch rein, noch unbefleckt, und in dieser Waschanlage keine Polizei, kein Straßenverkehr, nur alleine, und doch so viel mehr an Aufregen, auch endlich wieder einmal ohne Anschnallen.


Und dann - bloß nichts sagen, hören, was da kommen kann und könnte. Das ist ein Befehl. Und als Kind packen wir uns ja noch an'n Aaasch und geh'n geduckt, ne.


(Für die Lederbuxxe aus'm Sommerurlaub war's ja noch bissken zu kalt, ne, die durft' da noch nich im Kleiderschränkchen ausliegen, das hatte auch mit Befehl zu tun. Von ganz weit weg außerhalb. Kennen Se datt vielleicht auch?: "Gleich hat Dein Föttken aber Kirmes" und "Noch so ne Frechheit und ett gibt Poppoklatsch mit Anlauf" oder auch die Kurzfassung: "Es hagelt gleich" ? (auch im Frühling). Und wieso hieß das früher, auch für Jungens, Kleiderschrank und -schränkchen ?))


Diese Befehle von still sein, ruhig sitzen, gerade sitzen, nicht bewegen, nur Hören allein, nur anteilig sehen, nicht in's Ganze reinspringen zu dürfen (Gruß vom Rheinrenner: Ha !) - wurde mir wohl immer mehr im Frühling so wichtig, so trotzdem wichtig, so wichtige Zeit kam an, allein mit meinem Vater in einem Auto in einer Waschstraße, welche ganz zu Anfang noch von innen gruselig erschien, ich noch ne Heulsuse war, also, diese Zeit allein in klein an groß, diese wurde mir wohl schon heilig, weil diese nach bestimmt nur etwa fünf Minuten Verstecken spielen und weg sein und doch zusammen sein - gleich wieder vergangen war.


"Und jetzt holen wir deine Mutter ab."


Keine Antwort, nur Nicken, so ging das ab, so war das gut für ihn, Rückspiegel dehnten sich damals noch lange nicht zu langen Hälsen aus oder hoch oder runter, dafür gab's ja die Giraffe im Zoo, so ein- oder zweimal im Jahr vielleicht, die arme Giraffe im Gehege, so groß und hoch voraus, und kommt doch nicht darüber hinweg, und es ist mir traurig sie so ansehen zu müssen, und ich hätte so gerne dort gewusst, wie der erste Befehl zu verweigern gewesen wäre.


Heulsuse.


Aber nicht mehr lange, somit konnte ich ja meinen Frühling ganz alleine finden, musste nicht etwas abhängig von etwas machen, nicht so betrachten, nicht so fühlen, alleine finden können, Suchen als Öffnen ohne Schlüssel erfahren. Sogar im Auto schon, an Lichtern und Materialien und Stoffen und Gerüchen. Geruch ist nun Geschmack für mich. Gerüche klingt nicht so gut, find ich nun. Geschmack etwas hart. Schnuppern, so empfinde ich Frühling. Eine ganz eigene Erzählung von Frühling, außerhaus, überall dann dort, wo ich von ganz allein herumfliedern kapierte. Der Frühling, die Zeit ihres und seines selbst, ist für mich ein wahrer Trost. Und ein wahrer Freund für's Fortkommen. Und seine große Schwester ist mir die allerliebste Freundin. Und ich darf's so nicht sagen, aber ich hab das Gefühl, von früher bis jetzt, dass sie die Größe an Verzeihen ist. Ich brauche wohl etwas länger, wenigstens will ich nicht vor Mühe weglaufen.


Und die Giraffe, die kann ich nicht retten, aber ich kann sie auch nicht mehr so einfach abtun, wie so'n paar Bilder aus'e Schulfibel vielleicht. Vielleicht ist der Frühling der Giraffe noch viel zu kalt, und vielleicht ist der Frühling eine wahre Lehre, auch, wenn diese weh tut, vielleicht kann man für allerfrühe Schmerzen dankbar sein, vielleicht müssen wir davon leben, vielleicht verbrennen sich andere für uns selbst, vielleicht sehen wir im Frühling immer noch nichts, und kapieren erst das Blenden des Sommers, schließen aber nicht mehr davon auf, als in den Schatten überzusetzen, vielleicht schmeckt uns der Herbst danach noch viel zu gut, und vielleicht erfriert's im Winter an noch mehr Knospen, und wir sehnen nur noch Schnee und gehen so langsam bedeckt und eingepackt, um nicht nochmal zu rutschen.


Und wenn ich 'wir' und 'man' sage, dann ist das nicht gut, dann weiß ich wohl noch immer nichts und bin wohl auch ein Angsthase dazu.

Frühling ist mir Lehre, nach wie vor, erstmal und zuerst, so lange hin, ich endlich wirklich was kapier, und an Verzeihen hab ich's nötig vor mir her, und dass mich nicht längst die See verschlungen hat oder der Berg meine Birne zerschmettert hat, das ist mein wahres Glück.


An Frühling soll's mein Rückgrat sein, das Licht nicht scheinbar, die frische Wärme haltungslos, das Schmecken und Schnuppern mehr als nur ein Sinn. Egal, wie lang es dauert, meine Dummheit wird mich's wohl endlich lehren, so lange halt ich wenigstens durch und gehe keinen schlechten Schritt zurück.


Meine Mutter hatte sich ebenfalls blitzverblankt, in ihrer eigenen Manier, in feinem Stoff, buntem Tuch und an dickem Augenglas. Dieses dicke Augenglas war wohl damals Mode, mit Mode kam ich früh in Berührung, und weil sie aber von hektisch lauten Menschen hergerichtet worden war, also die Mode, nicht meine Mutter, obwohl die auch hektisch war, aber noch ganz anders, sekündlich Brandschutzübungen nötig, aus versicherungstechnischen Gründen, sozusagen - jedenfalls wollte ich schon früh gar nix mit solcher Mode zu tun haben, und heutzutage muss ich wohl dankbar dafür sein, denn umso mehr hab ich dafür früher Baustellen verliebt, Rohre, Rost und Nieten verehrt, Dachlatten und Presslufthammer, Werkzeugkisten und Beton(g), Ritze und Risse in meiner Haut recht gern ertragen, bin runter in Sandberge reingesprungen, nie was an Knochen verdreht oder gebrochen, immer schön schick seitlich abgerollt, ohne jemals vorher von solch sicherem Tun erfahren zu haben. Da war nix mehr mit Heulsuse und Angsthase, da war ich glücklich. Allerdings auch schon ein wenig größer an Zentimetern.


Ich hab dann einfach nicht mehr auf Klamotten geachtet, Löcher in den Klamotten fühlten sich wie Erfahrungswerte an. Das tut so gut. Aber da war ich auch schon weiter voraus an verlebten Jahren. Und wenn ich immer was anfange zu sagen und dann doch immer wieder ablenke und abschweife, dann ist das nicht gut und dann ist das auch respektlos.


Die dicke Backenbrille meiner Mutter musste in ihren Haaren halten können, ihre Haare waren ja aber nicht dicke Schiffstaue, und sie wollte wohl auch haben, dass ihre lila Langärmel nicht von den weißen Blusenschultern runterrutschen würden, und so erfuhr ich wiederholt von dem Befehl: Nicht bewegen ! Ausrufzeichen. Und wieder abgelenkt und abgeschweift: also, Befehle galten nicht nur für mich. Dachte ich vorläufig noch so. Aber im Sommer war ich dann schon wieder verwirrt. Wieder eine ganz andere Geschichte. Frühling erblickt und beleuchtet Geschichtem, das ist wohl was für die Sinne. Scheint so, oder ?


Gehen wie ein Stock.


Oder gehen wie am Stock.


Im Frühling, in Mode, in Auto, in Waschanlage, in lila, in beidem weiß und so weiter und so fort.


"Biss'e Besenstiel, oder watt ?!"


Hatte mein Oppa mich sogar viel früher davor schon mal gefragt, als ich mich von Hause aus in seinem Hof bloß nicht bewegen durfte. Nicht wegen verrutschen, sondern wegen verschmutzen.


Außerdem gab's damals noch keine Weichspüler, also, die hießen dann schnell doch so, spülten aber noch lange nicht weich. Im Stoff waren die dann irgendwie doch schneller und dann gab's so von heut auf morgen den Nicki. Der, die, das, es Nicki. Also so neue 'Kleider für das Kleiderschränkchen,' auch der Jungens. Sehr gemütlich, das Zeug. Nix mehr mit Kratzen und Knistern in schlecht und Stromschlag und so. Aber eben Nicki auch erst viel später.


Erstmal war von Hause aus der hartgebleichte Frühling anzunehmen, voll die Fehlerkennung, dachte ich, aber eben nur innerlich gedacht und äußerlich noch an Befehlen hochgezogen - Hemden, Hosen und Würgekragen mussten erstmal so weiß wie die gemütlichen Läppchen der Kirschblüten sein. Aber nicht nur in Farbe, Form und Kontur, sondern an Haltung auch begangen wie am Stock, gegossen wie in Beton(g), wofür eigentlich, so wirkt der Frühling doch gar nicht, und doch wirkt der Frühling ja auch nicht schlampig oder kraftlos.


Was Menschen draus machen. Wie das da, mit der Giraffe im Zoo. Ist ja in gut gemeint, vielleicht, ist aber nicht Frühling, da sind wohl auch einige andere noch lange nicht im Frühling angekommen. Freche Vermutungsbehauptung. So geht Frühling auch nicht. Also ab dafür, aber ohne zu vergessen oder zu übersehen.

Beim Oppa hinter'm Hof lernte ich diese fingerleicht anschmiegsamen Läppchen kennen, diese Kirschblüten, dieses feine Fliegen, dieses Schnuppern in's Fliegen rein, diese so friedlich fröhlich innerliche Unruhe in so gut, dieses mittendrin stehen und erfahren und erfühlen und verinnerlichen, dieses unbesiegbar werden, dieses ganze Abenteuer, genießen zum Schnuppern hinzu, und nicht mehr nur von Genuss was sagen wollen, dieses angenehme Landen, das impulsive Betrachten von Bodenzielen und von Blütenmeer - und mich nervte danach recht schnell, dass die Soldaten und Panzer im Sandkasten das so gar nicht können konnten. Das Blütenmeer in Bewegung und auf Reise, das war viel mächtiger - das war wohl ein erstes an Frühling für mich, so gut gefühlt, ohne mich dabei auch nur einmal zu bewegen, ohne auch nur ein einziges Mal in meinen Augenblicken zu verwackeln, zu verrutschen. Das absolute Gegenteil. In einen guten Befehl verwandelt, von ganz allein, an die Hand genommen an Frühling.


In der Altstadt war das dann alles nicht mehr so leicht lernbar. Da spiegelten die Schaufensterscheiben und wenn ich sehen wollte, musste ich ganz nah herangehen dürfen. Durfte ich aber nicht. Nicht an die Schreiben ran, welche auf meiner Augenhöhe für mich spiegelten, eher noch heranwinkend funkelten und erstmal nur an Umrissen durchblicken ließen. Die Nase nicht plätten, die Scheibe nicht beschmieren, Haltung wahren. War ja bestimmt nicht in schlecht gemeint, innerlich, äußerlich, das Übergehen wär aber wohl bestimmt als volle Breitseite angekommen.


"Bleib schön in der Nähe."


In der Nähe bleiben, hieß: keine zwanzig Zentimeter vom Vaterbein entfernt.


Und heute ist das immer noch so, aber eben nicht mehr am Vaterbein, sondern am Frauenbein, ne. Auch dort kein Befehl mehr, nur noch schön so, dort.


Ich musste alles richtig machen, ich wollte alles richtig machen, ich wusste ja früher noch lange nicht zwischen Müssen und Wollen zu unterscheiden.


Also achtete ich auf's Bein.


Einfarbig, KordCord, beige, beesch, lange Vorhänge unten dran, zwar ohne 'Goldkante' noch, aber eben lange Vorhänge doch, anbei zackiger Schritt, zackige Schrittfolgen, Vaterbein rasant, Mutterbein hektisch, oder war's umgekehrt so, jedenfalls auch lange Ausfallschritte nach vorne, komische Bewegungen so irgendwie, mal eben schnell nach links ausgeschert, oder auch mal eben so fast wie auf Stelzen an ganz anderen Fremdbeinen vorbeigestokkert, im Zeitraffer hätt's auch Twisten oder Steppen sein können, so kam mir das zumindest vor, und ich mit meinen viel zu kurzen Beinen dazwischen.


Die zwei beiden machten einen Schritt hin zum ersten Mutterfenster, ich brauchte wohl drei Schritte dafür, musste irgendwie schon Springen ohne Stolpern schaffen. Das war auch irgendwie ein 'bloß nicht bewegen'.


Ich wollte gut mithalten, nicht 'aus der Reihe tanzen', auch schon so gern so große und weite Schritte schaffen, ich blickte nur noch nach unten, obwohl ich doch schon so klein war, das Links und Rechts dazu war nur seitlich außen in den Augen anzuspüren, grob zu registrieren, aber nicht tiefenscharf zu sehen. Diesen großen Schritten gleichzutun, wollte ich unbedingt schaffen, aber ich konnt nicht wissen ob und wie lang das gutgehen könnte, ich hatte wahnsinnig Muffe vor mehrerem Stolpern.


Volle Konzentration, als dieser Frühling kam, in der Altstadt.


Ich lief und lief und brauchte so viele Schritte für so wenig Weg und hätte so gerne auch Weitwinkel in den Augen getragen. Hatt ich aber nicht. Und so wurd mir plötzlich schwummerig vor Augen, als die Beine wieder in's Auto stiegen, nach so kurzer Zeit oder wie, und ja, wieder in's Auto rein - nur nicht in unseres.


Dieser Wagen war grün und nicht weiß.


Hitzeschweiß im Nacken in Sekunden, rotfeurige Backenhitze an den Wangen über die Augen nach oben hinweg, Halsschlag an Platzeballon(g), Herzmaschine fackelt ab, blitzartig anducken und noch ganz viel weiter abducken, innerlich sofort für mildernde Umstände an Backpfeifen und an Kopfnüssen und Elektrohaaren ganz ohne Ballongreibe betteln, in Sekunden, in weniger als Sekunden, noch viel schneller als so'n Taunus auf der Bahn in Höchstgeschwindigkeit davonkurven könnte.


Aber keine Backpfeifen und keine Kopfnüsse. War ja auch kein weißer Wagen, dumme Jung. Müssen ja nicht alle so sein.


Beine steigen wieder aus, tatsächlich keine Kopfnüsse, irgendwas von Hand in Haar an Kopf, aber nur in gut gefühlt, was ist das, langsames Auftauchen, Hochsehen, was ist das plötzlich für Sonne, kurzes Aufatmen, zumindest.


Ein scheinbar freundliches Gesicht lächelt zu. Schmunzelt, oder so. Ich kann nichts hören. Es dreht mich ohne Rucke langsam um - und die Schaufenster spiegeln wieder zurück. Ich darf auch alleine zurückgehen. Was ist das bloß für ein Frühlingstag. Und ich torkele zurück, diesmal langsam, und das Vaterbein sieht mich und zuckt hinweislich auf meinem Weg - Mein Vater hielt seinen Zeigefinger hochgestreckt und durchgespannt vor seinen Mund, Mund zu, "halt die Klappe, sag nichts, lass das ja nicht deine Mutter sehn."


In diesem Frühling war meine Mutter wohl stärker als mein Vater. Das hatt ich noch nie so erlebt.


Mutter hatte wohl noch nicht zwischen Lila und Lavendel entschieden, es roch sogar vor der Scheibe schon nach Lavendel, und alles im Ladenspiegel wirkte so lila, jedenfalls ging es wohl um ein Teil allein und nicht um mehrere, und scheinbar wollte sie schnell eines kaufen und zeigte durch die Scheibe richtend immer wieder hin und her, vor und zurück, zum Vater hin und wieder weg, sie sagte was von Lavendel und mein Vater sagte was von Lila, sie kramte dann in ihre Handtasche ein, zog Ihr längst brüchiges Portemonnaie hervor, brüchig an Leder, wohl nach vielen Jahren - ich hatt früher mal versucht, dies Leder zu fühlen, ich wollt's nur mal kurz anfassen, fühlen, wie dies Leder ist, ob es sich vielleicht auch so anfühlen kann, wie die Läppchen der Kirschblüten, und sie hat's mitgekriegt, und wurd wieder hektisch, sauer noch dazu, und sie hat gesagt, dass ich mich niemals nochmals an's Stehlen wagen sollte. Und dann hat sie ihr Portemonnaie aber voll Karacho in ihre Handtasche reingedollt, und ich wollt doch nie ne Heulsuse sein und auch nie'n Angsthase und schon gar nicht'n Dieb.


Als an diesem Tag der Frühling kam, in diesen Sekunden, in dieser Stimmung, war ich dankbar. Sie hatte wohl noch nichts gemerkt und er hatte erstmals geschwiegen und einen seiner eigenen Befehle verweigert. Das hab ich zu dieser Zeit nicht verstanden.


Und sie freute sich, so sah es aus, und er blickte kurz auf den Boden und dann weg von der Scheibe woanders hin und sie war dann, Klingelingeling, im Laden verschwunden.


Ich hab dann Lavendel gehasst. Lavendel  erschien mir vom Geruch her penetrant, ich konnt das so nicht gut schnuppern. Penetrant, diesen Begriff, kannt ich aus ner Fernsehsendung. Ich mocht Lavendel nicht, zu aufdringlich, zu hektisch, zu direkt, schlichtweg zu heftig insgesamt.


(Gruß vom Rheinrenner in der Apfelpause: Watt'n arroganten und selbstgefälligen Drecksbengel, wa ?)


Lavendel hab ich abgelehnt, in jedem Laden, in jedem Geschäft, in allen Sorten von Flasche und weiterem Behältnis, in inneren Räumen, in Taschen, Kisten und Säckchen und auch gebunden in Tuch - allerdings dann später nie mehr an Feldern und ihren Wegen in Frankreich.


Heute find ich Lavendel schön. Und es ist völlig uninteressant, was ich find. Und Trotz kann weg. Und dieser Frühling damals - hat mich trotzdem nicht bestraft. Und dieser Frühling später - war auch in Frankreich so friedlich befreit zu spüren.


Immer wenn der Frühling kommt, muss ich an die Kindheit denken.


Immer wenn der Frühling kommt, zeige ich auf nichts mehr mit dem Finger.


Immer wenn der Frühling kommt, geh ich da einfach hin, geh ich da einfach ran, und trotzdem vermatscht da nichts oder hält Haltung nicht ein.


Immer wenn der Frühling kam, saß mein Junge vorne.


Mal mit links, mal alleine rechts, in welche Stimmung auch immer er sich hineinversetzen mochte.


Immer wenn der Frühling kam, nahm ich meinen Jungen an die Hand.


Mal hob ich ihn hoch, mal ließ ich ihn gehen.


Immer wenn der Frühling kommt, gebe ich meinem Jungen die Schlüssel in die Hand.


Sein Portemonnaie ist bunt, sein Portemonnaie ist seins, es ist genau so rundgestimmt, wie seine Futt in seiner Buxxe, so ganz von selbst angepasst an seine ganz eigene Hosentasche.


Immer wenn der Frühling kommt, kann ich doch noch zwischen meinem Sohn und einem Kind unterscheiden.


Und wenn ne Johanna, vielleicht,
hinzugekommen wär, hätt ich auch auf sie gehört.

Und immer wenn der Frühling kommt, sagt mein Junge:


"Lass ma durch die Felder gehn."





Dienstag, 23. Februar 2016

Nein.
Ich wohne hier, schon immer
Meins
Ich kenne hier alle, so lange
Ich will das nicht kaputt haben
Es gehört doch mir
Ich hab hier alles erlebt
und nicht Die
Es, Das, was ne Art, Er
und die auch nicht, schreien nur wild rum
machen meinen Bruder an
stänkern gegen meine Frau
verwirren meine Frau
Salz und Pfeffer reicht
wenn die rumstinken wollen
dann reicht das bei denen doch total aus
warum hier
und im Sommer
was die schwitzen
auschwitzen
Gullaschuppe, noch ganz anders
hast du doch auch keine Worte für
und im Sommer
was die schwitzen, das ist dann im Wasser drin
und die sollen mich nicht nackt angaffen, die Affen
die sind doch spezial
im Wasser mit Klamotten
mir stinken diese Extrawürste
und Arbeit
nur Staub, voll von Staub, überall
aber keinen Strom für Staubsauger haben
sollen die erstmal hinkriegen, bevor
Wenn die nur Ziegen kennen
und Obst wäkst dort dann doch eh nicht
und immer noch mit Eseln, nichtmal Pferde, so alte Scheiße
wie soll das dann hier gehen
so viel auf einmal können die doch gar nicht anfangen
also damit, versteh'st
Jajaja, ganz genau
Sag ich doch
Ist meine Meinung, die sag ich, wer will das verbieten
Die etwa
Langsam krieg ich Hass
ist doch normal, du etwa nicht
Blöde Sau
Dummes Schwein
Ich habe keine Zeit für so Krankheit
Und essen
krieg ich nur Durchfall von
wie denn auch anders
Ess auf, du Klon
Geb ma Ketschupp rüber
kapieren die doch gar nicht
können die doch gar nicht
Ich weiß, was Befehl, das geht klar
da brauch ich nicht lang für, so wie die, lahme Taschen
Was ? Imperativ ? Willst du mich verarschen ?
Und trinken
Das sind doch Heuchler
Die tun doch nur so, als ob
Wenn ich Kegeln geh und der Uschi an die Hupen komm
dann macht die nich gleich Theater
dann will die das auch
wir sind immer freundlich und haben nichts gegen Freundschaft
noch nie gehabt
gut, dann geh'st eben nach der Kirchen, da hört dir einer zu
dann darf Kegeln auch mal ein Ausrutscher sein
Aber Die
die wollen dir gleich die Hände dafür abhacken
Was fällt denen denn ein
die spinnen wohl, mit ihrer großen Fresse
kuck die mal die Köpfe an, und die Nasen
und alles voller Haare, nichts da sauber
so dunkel, das ganze, wie denn dann anders besser ?
Denen werd ich geben
Mit mir nicht
Sollen die doch endlich Brunnen bauen, das müssten die noch schaffen
wenn die das kapieren, dann können die doch auch bald kegeln
geht halt nicht immer nach eigener Nase
Mir stinken wirklich diese Extrawürste
Als wenn wir einfach hatten
Als ob
Und wir jaulen nicht, heulen nicht, jammern nicht
egal, was man mit uns gemacht hat
so geht das, das raffen die nicht
Und deren Musik
Nein, das ist keine, ist doch gar kein Rüttmus drin
Das ist Schlangenbeschwören
Was ?
Was für Bücher ?
Und Mattematik ? Das hat doch einer hier erfunden
Der hieß doch Einstein, oder so
Und was für Geschichte
Lehm und Klötzchen formen, oder wie
Und diese dreckigen Heckenkleider
die tragen doch alle das gleiche
So was trägt man im Haus, aber nicht auf der Straße
wie kommt man darauf, dass man die  nicht mehr auseinanderhalten kann
völlig irre, wer macht das denn freiwillig so
Ich kann hier kaufen und tragen was ich mir will
anders kenn ich das nicht
Was für Uniformen ?
Nein. Hier doch nur für Soldaten und Bullen.
kennst du doch
das versteht man doch
aber selbst das, machen die ja in Gewändern
und in Schlappen
Und irgendwann kommt meine Tochter mit so einem Typen an
was soll das denn werden
wie blöd muss man sein
Und mein Sohn soll was lernen und nicht mit so Zurückgebliebenen spielen
Und wir haben hier auch genug selber Behinderte
da haben wir genug mit zu tun
warum ich
warum muss ich das ertragen
Nein.
Ich wohne hier, schon immer
Meins
Ich kenne hier ...



(Ich hab für dich Orangen und Zitronen und Feigen und Oliven
und wenn nicht, dann geb ich dir das, was ich hab
wenn du in meiner Türe stehst
setz dich
entspann dich
ein Boden kann ein Tisch sein
ein Boden kann der größte und weiteste und tiefste Tisch sein
an welchem alle Platz finden können
auch die anderen
und wenn wir selbst nicht rauchen
dann rauchst du bitte, wenn du so bist
wir besorgen dir die Zigaretten
wir gehen für dich dorthin, wo sie zu finden sind
wir belehren dich nicht
auch dann nicht, wenn wir selbst nicht rauchen
und wir essen
und trinken
in der ganzen Welt
und machen uns nichts vor
und wir hören deine Geschichten
und erzählen unsere, wenn du magst
auf dass der Wind alle Sprachen für uns übertragen kann
und wenn wir nicht so sind
entgegen aller Urteile
dann haben wir versagt
genau wie du
in einer anderen Welt)